Hans Perczynski:
Rechnungswesen - kein Auslaufmodell
In keinem Fach gibt es stärkere Akzeptanzunterschiede bei unseren Schülern als im
Rechnungswesen. Die Meinungen gehen von langweilig, praxisfremd, unnötig,
verschlechtert nur die Noten, reines Paukfach bis interessant, wichtig, fordert
regelmäßige Mitarbeit, bringt gute Noten, verlangt Selbstständigkeit. Geht man der
Sache nach, so liegt es wohl hauptsächlich an folgenden Dingen:
Da sind Lehrpläne und Prüfungsanforderungen, die sich am Bilanzbuchhalter
orientieren, die Finanzbuchführung in den Mittelpunkt stellen und ins Detaillierte,
Besondere und Übergenaue verliebt sind. Da sind Unterrichtsmaterialien, die
Geschäftsgänge "von der Eröffnungsbilanz bis zur Schlussbilanz", Formales wie
Kontenpläne, Kontensysteme und Buchhalternasen, Rechtliches wie GoB, HGB und
Aktiengesetz, und Theoretisches wie Bilanzbuch, Grundbuch, Hauptbuch, Nebenbuch,
Hauptabschlussübersicht u.Ä. in den Vordergrund stellen. Da sind Unterrichtende,
die - bei allen unterschiedlichen Auffassungen über die Didaktik und Methodik des
Faches - viele Hausaufgaben zum Üben aufgeben und Prüfungsanforderungen als
Lernmotivation verwenden.
Aus dieser Sachlage entstehen Überlegungen, Rechnungswesen im Umfang und im
Anspruch zu reduzieren oder in andere Fächer zu integrieren. Hinzu kommt, dass auch
die Lernfelddiskussion diese Überlegungen fördert, weil Rechnungswesen mit hohen
fachsystematischen Unterrichtsanteilen nicht in eine Gliederung nach beruflichen
Aufgabenstellungen und Handlungsabläufen (Arbeitsprozessen) passt. Dabei ist
Rechnungswesen ein unverzichtbarer, selbstständiger Bestandteil eines vernetzten
Curriculums für Kaufleute. Wohlstand für alle in einer wachsenden Wirtschaft ist
nach wie vor eines der wichtigen gemeinsamen Ziele in unserer Gesellschaft.
Kaufleute stehen mit ihren Entscheidungen in einer besonderen Verantwortung für
dieses Ziel. Sie können aber nur zielorientiert entscheiden, wenn sie über eine
Vielzahl unterschiedlicher, aktueller und miteinander vernetzter Informationen und
Instrumente verfügen. Dabei benötigen und benutzen sie zeitgleich externe und
interne Informations- und Dokumentationssysteme. Das interne Informations- und
Dokumentationssystem ist das betriebliche Rechnungswesen. Es bildet die
betrieblichen Prozesse und die Folgen von Marktentscheidungen so ab, dass sie
analysierbar, vergleichbar und bewertbar werden. Es liefert auf diese Weise
Informationen, die für Planung, Vollzug, Kontrolle und Revision von Entscheidungs-,
Leistungs- und Steuerungsprozessen erforderlich sind.
Rechnungswesen betrifft Unternehmer, Mitarbeiter, Kapitalgeber, Staat und
Öffentlichkeit. Ohne funktionierendes Rechnungswesen kann es keine
nachvollziehbaren Planungs- und Prognoserechnungen, Zielvereinbarungen,
Wirtschaftlichkeitsüberlegungen, Unternehmens-vergleiche, Portfolioentscheidungen
und Steuerveranlagungen geben. Investitions-, Finanzierungs-, Personal-,
Beschaffungs-, Produktions- und Absatzentscheidungen in Unternehmen hätten keine
rationale Basis. Sie könnten weder begründet getroffen noch in ihren Auswirkungen
beobachtet werden. Auch öffentliche Haushalte könnten nicht aufgestellt,
demokratisch legitimiert, vollzogen und kontrolliert werden.
Nicht Fächerintegration, Reduzierung oder gar Abschaffung von Rechnungswesen sind
daher das Gebot der Stunde, sondern Erhalt, Neupositionierung, Ausbau als
Kernqualifikation und Vernetzung in einem Gesamtcurriculum. Selbstverständlich
müssen sich Rechnungswesenunterricht und Prüfungsaufgabenverfasser dazu von ihrer
Buchungssatz-Spielwiese trennen. Lehrpläne und Unterrichtsmittel müssen neu
erarbeitet werden. In den Mittelpunkt des Rechnungswesens gehört die Abbildung und
Auswertung der betrieblichen Leistungsprozesse. Kostenrechnung, kurzfristige
Erfolgsrechnung, Controlling, Bewertungsfragen, Information und Steuerung,
Kundenorientierung, Risikomanagement sind die Schwerpunkte. Rechnungswesen ist
Grundlage, Instrument und Spiegel unternehmerischer Entscheidungen. So verstanden
ist
- Rechnungswesen ein selbstständiges, unverzichtbares Instrument aller Kaufleute
und
- Rechnungswesenunterricht hervorragend geeignet, selbstständiges Planen,
Durchführen und Kontrollieren, ziel- und verantwortungsbewusstes Handeln sowie
Entscheidungsfähigkeit zu fördern.
Hans Perczynski, Hamburg 2000
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